V.I.P.eers machen Zwischenhalt in Berlin | Foto: Christoph Klinger © ROPE

Dies ist der Reisebericht von Essayas Afewerkie-Tekie, Nassim Beyay, Rachid Bouji und Christoph Klinger über den Besuch bei der E.A.S.Y.-Partnerorganisation Szansa anlässlich der ersten Living Library auf dem Glogower Stadtfest am 07.06.2008.

I. Idee und Anlass der Reise

Könnt Ihr euch eine Bibliothek ohne Bücher vorstellen? Wir Essayas, Nassim, Rachid und Christoph, wurden eben zu einer solchen Bibliothek ohne Bücher von unseren polnischen Partnern im E.A.S.Y.-Projekt nach Glogow eingeladen. Eine solche Bibliothek nennt sich Living Library (LL), was sich in etwa mit "Lebendige Bibliothek" übersetzen lässt. Die Idee ist relativ einfach: In der LL können sich die Besucher Menschen (lebendige Bücher) für einen bestimmten Zeitraum ausleihen, um sich mit ihnen zu unterhalten. In einer LL finden sich in der Regel Personen, die in ihrem Leben Diskriminierungen und Spott ausgesetzt waren und gegen die Teile der Gesellschaft Stereotype und Vorurteile hegen. Im gemeinsamen Gespräch sollen dann die Besucher der LL idealiter ein Gespräch mit ihrem eigenen Vorurteil führen und auf diese Art und Weise über sich und wie sie über andere denken und urteilen nachdenken. Unsere Rolle bei der LL bestand vor allem darin beim Aufbauen des Festivalstandes anzupacken und als Bücher in der LL zu fungieren. Essayas war als "schwarzes", Nassim und Christoph als "deutsche" und Rachid als "muslimisches" Buch bzw. Bücher vorgesehen.

II. Is Poland a part of Europe? Or: The way to Glogoow

Noch vor Antritt unserer Reise warnte Darek, Kollege und Freund unserer polnischen EASY-Partnerorganisation Szansa, uns: Glogow liegt mitten in der Pampa, ihr braucht ein GPS, sonst findet ihr die Stadt nicht und verfahrt euch nur auf den Landstraßen, deren Ausbauzustand ohnehin nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen ist.

Als wir in der Autovermietung nach einem GPS fragten, sagte uns die Verkäuferin, sie müsste erst einmal schauen, ob das Europaprogramm Polen beinhalte. Aber Polens Straßen, Wege und Städte waren nicht drin. Auch der Versuch sich das GPS von Rachids Schwester zu organisieren, schlug fehl: Auch in diesem Produkt war Polen nicht enthalten. Daher blieb uns nichts anderes übrig, als nach alter Vater Sitte mit Karte und unserem Orientierungssinn zu navigieren. Das klappte auch prima. Wenn wir uns nicht sicher waren, fragten wir einfach Einheimische, ob wir auf dem richtigen Weg wären.

Es mag ein Klischee sein, doch entsprach es oftmals unseren Erfahrungen: Viele Polen fahren auf den Landstraßen ‑ Autobahnen gibt es kaum – sehr temperamentvoll. So wurden wir bestimmt wir so um die zehn Mal auch an den unübersichtlichsten Stellen überholt, während wir nur zwei Lastwagen hinter uns ließen. Nichtsdestotrotz sind wir mit einer Stunde Verspätung aber wohlbehalten im Hotel angekommen, wo wir von Darek und Martina herzlich empfangenen wurden.

III. Ankunft und erster Tag

Den Vormittag des 6. Junis verbrachten wir in der Innenstadt von Glogow mit Shopping und Sightseeing.

Glogow mit seinen heute 75.000 Einwohnern wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht zur Festung erklärt und 1945 fast vollständig zerstört. Von der Innenstadt blieb nicht viel mehr als ein Trümmerhaufen übrig, aus dem die Ruinen einiger repräsentativer Gebäude herausragten. Zunächst dienten die Trümmer als Steinbruch für den Wiederaufbau des zerstörten Warschaus. In den 50er und 60er Jahren wurden noch einige Reste der Bebauung abgetragen und die Überreste einiger historischer Kirchen gesprengt. Der Neubau Glogows vollzog sich währenddessen in typisch für den real-existierenden Sozialismus, städtebaulich wenig ansprechenden Plattenbauten in den Randbezirken der Stadt und die Innenstadt blieb als Trümmerwüste bestehen. Seit Mitte der achtziger Jahre ist jedoch der Wille unverkennbar, historische Baudenkmäler exakt zu rekonstruieren und einen Neubau der Altstadt zu wagen, der auf die Proportionen der Baudenkmäler Rücksicht nimmt.

Hierbei engagierten sich auch ehemalige Glogauer Bürger, die nach 1945 ihre Heimatstadt in Folge der Vertreibungen verlassen mussten, mit Rat und Tat, und setzen zusammen mit der polnischen Seite ein hoffnungsvolles Zeichen der Versöhnung.

Wie wir beobachten konnten, pulsiert wieder das Leben in der neuen Innenstadt auf altem Grundriss. Mit viel Liebe zum Detail wurden das Rathaus mit seinem imposanten Turm und das Schloss in seiner ursprünglichen historischen Gestalt wiederaufgebaut. Das barocke Gryphiustheater und die Stadtpfarrkirche harren jedoch noch ihrer Rekonstruktion.

Gegen Mittag zeigten uns Darek und Martina das Jugendhaus der Organisation. Im Erdgeschoss des Gebäudes ist eine gewöhnliche Bibliothek untergebracht, während in der oberen Etage Kinder, Jugendliche und Eltern vielfältige Angebote in Anspruch nehmen können. Tief beeindruckt waren wir von den Kellerräumen, einige schon schallgeschützt ausgebaut, wo Jugendliche mit ihren Bands und Musikprojekten proben können. Die Bandbreite der Musiker reichte von Hip-Hop über Jazz bis hin zu Metal- bzw. Alternativebands. Ein Jazzmusiker, den wir dort trafen, erzählte uns, dass einige Instrumente von der Organisation bezahlt würden, sodass Jugendliche sich an einem Instrument versuchen können, ohne gleich eines kaufen zu müssen.

Gegen sechzehn Uhr hielt Darek das Meeting für die Bücher der LL ab. Nachdem er die Historie der Methode LL kurz referiert hatte, erläuterte er vor allem die für den Ablauf technischen Details: Die Ausleihfrist beträgt eine Stunde, wobei eine Verlängerung, die allerdings mit den Bibliothekaren abgesprochen werden muss, möglich ist. Es wurde uns ebenso mitgeteilt, dass die Bücher nicht das Festivalgelände verlassen dürfen. Die Stereotypen, die in den Katalogen den einzelnen Büchern zugeordnet werden, dienen für die Besucher als Einstieg in das Gespräch. Das deutsche Buch wurde im Katalog als reich, dick, neonazistisch und stinkend charakterisiert – zumindest gegen das erste Attribut hätten wir nichts einzuwenden gehabt, wenn es auf uns zugetroffen hätte.

Nach dem Meeting hatten wir noch einige Stunden Freizeit, die wir nutzten, um durch die Hochhaussiedlungen, die uns alle ein wenig an Kranichstein erinnerten, zu ziehen. Am Abend halfen wir den polnischen Organisatoren beim Aufbau der LL. Wir schleppten Stühle, luden sie in einen Kombi und auf dem Festivalgelände selbst bauten wir alle zusammen ein Zelt auf.

III. Unsere Erfahrungen auf der LL

a) Christoph Klinger

Da zu Beginn der LL das Interesse der Besucher noch gering war und ich ohnehin nur als zweites deutsches Buch vorgesehen war, nutze ich die Gelegenheit, um mit „dem behinderten Buch“ ins Gespräch zu kommen. Norbert, wie der Mensch hieß, hatte schon auf dem Vorbereitungstreffen erklärt er könne deutsch, sodass mit keinen Sprachbarrieren zu rechnen war. Norbert erzählte mir, dass er kurz nach der Wende in Deutschland studiert habe und nun als Übersetzer arbeite. Das war zu dieser Zeit ungewöhnlich. Ein Studium mit Behinderung im eigenen Land stellt schon eine Herausforderung dar, und dann noch im Ausland. Aber Norbert war mutig und machte, wozu manch einem 'normalen' Menschen die Courage fehlt. Wir unterhielten uns mehr über Geschichte, deutsch-polnische Beziehungen, deutsche Literatur als über seine Behinderung, denn Norbert hatte seine Abschlussarbeit an der Universität über die Kriegserzählungen Bolls verfasst und war ein profunder Kenner deutscher Kultur. Das Thema Behinderung streiften wir eher zufällig, so zum Beispiel, als Norbert erzählte, dass er als er prinzipiell mit seinen zwei Zeigefingern tippe und dabei eine Geschwindigkeit erreiche wie andere Menschen mit zehn Fingern. Vom Internet profitiert Norbert noch mehr als alle anderen Menschen. Er holt sich auf diese Art alle Informationen in seine eigenen vier Wände, sodass er nicht mehr umständlich Bibliotheken besuchen muss, in die er am Ende mit seinem Rollstuhl gar nicht rein kommt. In diesem Sinne eröffnet das Internet Menschen mit Behinderung ganz neue Perspektiven und trägt aktiv zum Abbau von Barrieren bei. Spracherkennungssoftware nutzt Norbert noch nicht ‑ da ist er mit seinem Zwei-Finger-System schneller ist.

b) Rachid Bouji

Ich war bei der Living Library "der Moslem". Mich hat ein Schüler (ca. 18 Jahre) ausgeliehen, der sehr interessiert schien und auch keine Vorurteile hatte. Er wusste erst nicht, wie er anfangen soll, aber mit der Zeit hat sich die Situation gelockert und wir kamen besser ins Gespräch. Habe mich mit ihm über die Basics des Islams unterhalten. Er hat mir auch von einem Moslem in seiner Familie erzählt, mit dem er sich mittlerweile nach einigen Anlaufschwierigkeiten gut versteht und durch den er auch weiß, dass der Islam nicht so ist wie viele denken. Die Zeit verging relativ schnell, und ich habe auch viel aus dem Gespräch gelernt. Wir haben uns in Englisch unterhalten.
Habe mich auch mit dem Mann mit körperlicher Behinderung unterhalten. Wir haben uns über die Situation der behinderten Menschen in Polen im Vergleich zu Deutschland unterhalten.
Das Festival im Ganzen hat mir gut gefallen. Das Wetter war super, die Menschen waren freundlich und sehr offen und die Musik hat mir auch gefallen, was ich nicht erwartet hätte. Schade fand ich, dass das Essen auf dem Festival nicht so toll war – ansonsten ganz großes Lob für das Essen; es hat nämlich super geschmeckt.

Insgesamt fand ich den ganzen Besuch Klasse. Ich habe mich immer willkommen gefühlt.

c) Essayas Afewerkie-Tekie

Ich war bei der Living Library "der Schwarze". Mich haben ausgeliehen: Ein älterer Herr (ca. 40 Jahre), eine Gruppe junger Schülerinnen (ca. 14-16 Jahre) und ein junger Schüler (ca. 18 Jahre) die alle sehr interessiert schienen und auch keine Vorurteile hatten. Der Anfang war bei allen etwas schleppend, da keiner wusste, wie er anfangen sollte ‑ auch ich nicht, aber mit der Zeit hat sich die Situation gelockert. Habe mich mit dem ersten Herrn über das Leben in Deutschland als Schwarzer und über seine Erfahrungen, die er in Frankreich gesammelt hat, unterhalten. Die Schülerinnen haben sich mehr für mein Privatleben interessiert; was für Hobbys ich habe, was für Musik ich höre und ob ich eine Freundin habe. Die Zeit verging relativ schnell und ich habe auch viel aus den Gesprächen gelernt. Zwei Mal hat für mich eine Polin gedolmetscht. Der Schüler konnte Englisch. Mit der Übersetzung kam ich sehr gut zurecht.
Das Festival hat mir im Großen und Ganzen gut gefallen. Das Wetter war super, die Menschen waren freundlich und sehr offen: Die Musik hat mir auch gefallen. Zum ganzen Besuch kann ich nur sagen, dass er super geil war. Schön war auch das wir viel Freizeit hatten um die Stadt zu besichtigen. Und ganz großes Lob für das Essen, hat super geschmeckt.

d) Nassim Beyay

Ich war bei der Living-Library "der Deutsche". Mich haben zwei junge Männer ausgeliehen. Der erste von ihnen war ca. 25 Jahre alt und war Bergarbeiter. Er hatte eine andere Vorstellung von einem Deutschen. Im Gespräch mit dem Jungen hat er mir die Sicht, die er von einem Deutschen hat, klar und deutlich erläutert und ich habe ihm darauf hin gesagt bzw. gezeigt, dass es keine Stereotypen über Deutsche gibt. Er stellte mir sehr viele Fragen, und ich versuchte, ihm so gut wie möglich zu antworten. Am Ende des Gesprächs lud er mich sogar ganz herzlich zu sich nach Hause ein. Der zweite Entleiher war noch ein Schüler, der ca. 17 Jahre alt war. Bei dem Jugendlichen ist mir sofort aufgefallen, dass er ein sehr großes Interesse hatte, andere Dinge kennen zu lernen. Er hat nämlich sehr viele Bücher ausgeliehen. Er hat mir sehr viele Fragen gestellt und sich sehr für die deutsche Kultur begeistert. Ich habe ihm so gut wie möglich versucht, Deutschland und die deutsche Kultur näher zu bringen.

Bei der LL hab ich mich auch mit anderen Büchern unterhalten. Ich habe mich auch kurz mit den Roma unterhalten, die mir sagten, dass sie auch mal in Darmstadt lebten und dass sie in Polen als Randgruppe gelten und von Menschen gemieden werden.

In Polen kam ich sehr gut zu recht, da die meisten Leute Englisch oder Deutsch sprachen. Die Menschen in Glogow waren sehr freundlich. Mein Stereotyp eines Polen wurde in Polen widerlegt; seitdem sehe ich diese Mensch ganz anders als vorher. Die Idee der LL finde ich sehr gut, da man den Menschen eine neue Sicht auf andere Menschen zeigen kann und man dadurch Vorurteile beseitigen kann. Ich habe mir allerdings die LL anders vorgestellt, aber ich kann sagen, dass ich positiv überrascht wurde Die ganze Atmosphäre bei dem Festival war sehr gut. Das Wetter war schön, die Menschen waren freundlich und es hat sehr viel Spaß gemacht, was anderes zu erleben. Die LL hat mir persönlich sehr viel gebracht. Ich habe sehr viel von anderen Menschen gelernt. Es war auch sehr toll, dass wir bei der Organisation dabei sein und hinter die Kulissen solch einer Veranstaltung schauen durften.

IV. Ende und Abreise

Obwohl der ganz große Andrang auf die LL ausgeblieben war, waren unsere polnischen Partner und wir Gäste der Auffassung, dass die Veranstaltung doch insgesamt erfolgreich verlief. Vielleicht finden nächstes Jahr mehr Festivalbesucher den Weg in die LL, wenn sich diese, wie wir meinen, großartige Methode herumgesprochen hat. Mit den einheimischen Organisatoren liefen wir anschließend zum gemeinsamen Helferessen. So ließen wir unseren Polenaufenthalt bei leckerem Essen und einem anschließenden Diskoaufenthalt ausklingen. Am Sonntag fuhren wir zurück nach Deutschland, denn wir wollten unsere Nationalelf in Berlin gegen Polen siegen sehen! Der Plan ging auf, aber das ist eine andere Geschichte …

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