Daß irgendein Mensch auf Erden ohne Vorurteil sein könne, ist das größte Vorurteil (August von Kotzebue)

Die "Lebende Bibliothek" ermöglicht den Dialog zwischen Menschen, die sich anderswo und anderswie vielleicht niemals begegnet wären. Wie in jeder anderen Bibliothek können 'Bücher' für die Dauer einer Ausleihfrist – und zu den Bedingungen einer Bibliotheksordnung – entliehen und 'gelesen' werden. Der Unterschied: In der "Lebenden Bibliothek" sind die Bücher Menschen, mit denen man ins Gespräch kommen kann.

Die "Lebende Bibliothek" hat das Motto: "Sprich mit deinen Vorurteilen." Hinter dieser Aufforderung steckt die Idee, dass eine mögliche Form, sich kritisch mit den (eigenen) Vorurteilen und Stereotypen zu befassen, die sein kann, sich mit denen darüber zu unterhalten, die von ihnen betroffen sind. Allerdings würde das Ziel der "Lebenden Bibliothek" gründlich verfehlt, wenn der Entleiher oder die Entleiherin nach dem Gespräch bloß ein 'altes' gegen ein 'neues' Vorurteil oder Stereotyp ausgetauscht hätte oder der Meinung wäre, nur 'eine Ausnahme von der Regel' getroffen zu haben...

Tatsächlich geht es um mehr. Nämlich darum, sensibler dafür zu werden, wie Stereotypisierung und Vorurteile eigentlich entstehen, welche inidividuellen und gesellschaftlichen Funktionen sie haben, und wie sie sich auf das Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen in einer Gesellschaft auswirken können. Es geht also, im Rahmen der rund 30-minütigen, vertraulichen Gespräche zwischen den 'Lebenden Büchern' und ihren 'Leserinnen' und 'Lesern' darum, gemeinsam ein Stückchen weit hinter den ganzen Vorurteils-'Mechanismus' zu kommen, hinter den gefährlichen Zusammenhang unreflektierter Stereotype, achtlos geäußerter Vorurteile und unterschiedlichster Formen der Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskriminierung, die die 'Lebenden Bücher' erfahren haben und denen sie ihr Recht, nicht nur auf freie Meinungsäußerung, sondern vor allem darauf, von jeglicher Form der Diskriminierung frei zu sein, entgegen setzen.

Wir gehen davon aus, dass "Vorurteilsfreiheit" - als Bildungsziel - weder möglich noch eigentlich erstrebenswert ist: Jede/r von uns hat Vorurteile (erlernt) und das ist zunächst ein Fakt! Vorurteile sind aber nicht immer harmlos oder einfach nur 'richtig' oder 'falsch' in Bezug auf die (u.U. auch wieder nur relative) 'Wahrheit' einer Sache; Vorurteile stehen im Gegenteil sehr häufig und auf gefährliche Weise in Zusammenhang mit "Ideologien der Ungleichwertigkeit" und begründen (menschen)feindliche Mentalitäten und Verhaltensbereitschaften mit, die sich für die Betroffenen sehr negativ auswirken, indem sie zu verschiedenen Formen direkter oder indirekter Diskriminierung und manchmal sogar zu offener Gewalt führen können

Vorurteile (in ihrem Zusammenhang mit Ideologien der Ungleichwertigkeit) können als solche benannt, beschrieben, analysiert und kritisch hinterfragt, aber sicher nicht ohne weiteres 'verlernt' oder 'überwunden' werden. Tatsächlich sprechen wir in der "Lebenden Bibliothek" bewusst und in deutlicher Formulierung existierende Vorurteile an. Aber wir 'erwarten' von unseren "Lebenden Büchern" nicht, dass sie ihre/n Entleiher/-in 'bekehren' oder gar seine/ihre Vorurteile 'beseitigen' – dies wäre vermessen und würde eher in einer Ausblendung der eigentlichen Problematik resultieren, die ja beidseitig besteht. Vielmehr geht es uns darum, für das Thema "Vorurteile" zu sensibilisieren, Bewußtheit zu erzeugen und nicht zuletzt darum, mit Menschen zusammen zu arbeiten, die – wie wir – daran interessiert sind, über, durch und für die Menschenrechte zu lernen und zu agieren, insbesondere für die Freiheit von jeglicher Form von Diskriminierung (vgl. Art. 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) - vielleicht die Kernaussage sämtlicher Menschenrechtskataloge und des bundesdeutschen Grundrechtekatalogs.

"Lebende Bücher" gegen Vorurteile?

Die Auseinandersetzung mit Vorurteilen ist ein notwendiger Prozess des Umlernens, der vor allem auf der Fähigkeit zu Selbsterkenntnis und -kritik beruht. Dieser Prozess kann anstrengend sein, insofern negative Einstellungen zu 'anderen' eng mit den positiven Aspekten des Selbstbildes verbunden sind, aber auch mit bestimmten, durch das Vorurteil vermeintlich gerechtfertigten Privilegien, die aufzugeben niemandem leicht fällt. Auf der anderen Seite kann diese Auseinandersetzung zu differenzierteren und komplexeren Einsichten und einer entsprechend bewussteren und achtsameren Haltung führen. In jedem Falle: es lohnt sich, mehr über (seine eigenen) Vorurteile zu erfahren!

Die spezifische 'Verlockung' des Vorurteils, ihr psychologisch besonders wirksames Moment, und zugleich seine Gefährlichkeit, besteht in der Bequemlichkeit für das eigene Denken und Handeln, das es verstattet: Wer sich auf Vorurteile stützt, 'erspart' sich die Mühe der fallweisen bzw. (selbst-)kritischen Überprüfung von Tatsachen, es 'entfällt' der mitunter anstrengende Nachweis der Rationalität der eigenen Argumentation, ebenso die Auseinandersetzung mit dem 'Phänomen' der Kontingenz und der Tatsache gesellschaftlicher Ungleichheit.

Die 'Arroganz' des Vorurteils besteht darin, dass es über die Gesamtheit einer Gruppe je schon alles zu wissen scheint, jedenfalls alles, was zur Beurteilung eines einzelnen Mitglieds (begriffen als: "Repräsentant"/"Repräsentatin") vollkommen hinreicht, wobei die 'Bestätigung' der Regel mindestens so willkommen ist wie die 'Ausnahme' von derselben, wenn letztere nicht sogar noch stärker auf das Vorurteil zurückwirkt!

Dieser 'Vorurteilsfalle' zu entkommen ist keine einfache Aufgabe und im (pädagogischen) Umgang mit ihr scheint es keine 'Patentrezepte' zu geben… zumindest, dass die Nicht-Auseinandersetzung mit dem Thema oder gar die Leugnung seiner (psychologischen und gesellschaftlichen) Brisanz keine Lösung ist, davon sind wir als Veranstalter der "Lebenden Bibliothek" überzeugt; und die sozialpsychologische Forschung scheint uns an dieser Stelle bzw. mit diesem Ansatz ins Recht zu setzen: Wer Vorurteile leugnet oder gar versucht, sie bewusst zu unterdrücken, verstärkt sie letzten Endes nur.

Bestimmten – nach unseren eigenen Vorurteilsmustern ausgesuchten (!) – Vorurteilen nun "Lebende Bücher" entgegen zu setzen, mag, vor dem Hintergrund des über die Struktur und Wirkungsweise des Vorurteils Bekannte, einigermaßen 'gewagt' erscheinen. Aber der Ansatz bietet u.E. zumindest eine Chance für all diejenigen, die sich auf die Begegnung und den unmittelbaren Dialog mit 'ihren' Vorurteilen tatsächlich einlassen wollen! Die inzwischen recht zahlreichen Beispiele an anderen Orten in Europa belegen die starke Wirkung, die von dem speziellen Setting einer "Lebenden Bibliothek" und insbesondere von den persönlichen Gesprächen, die dort zustande kommen, ausgehen kann.

Die "Lebende Bibliothek" kann eine Situation schaffen, in der Menschen sich - ganz banal und unmittelbar - als Menschen begegnen, in der der Austausch von und die Teilhabe an individuellen Erfahrungen, Perspektivenübernahme und offene Zugewandtheit möglich sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Marc Reinartz, Sven Rasch, Sven Strobel

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