Idee und Leitfragen

des Projekts "Lebende Bibliothek – Special Edition"

Im Rahmen des Modellprojekts "Lebende Bibliothek – Special Edition" sollte eine der spannenden – und durchaus kritischen – Fragen an die Metode / den Ansatz der "Lebenden Bibliothek" beantwortet werden: Funktioniert die "Lebende Bibliothek" auch 'unter umgekehrten Vorzeichen', also auch dann, wenn Repräsentant*innen der sog. "Mehrheitsgesellschaft" sich als "Lebende Bücher" präsentieren und von denen "gelesen" werden, die 'klassisch' selbst als "Lebende Bücher" in Frage kämen?

Die modellhafte Erprobung des Ansatzes 'mit umgekehrten Vorzeichen', so unsere Idee, sollte nicht allein für die Entwicklung der Methode "Lebende Bibliothek" interessant sein, sondern zugleich Rückschlüsse darüber erlauben, wie Methoden und Konzepte der Integrationsarbeit grundsätzlich angelegt sein müssen, damit Dialoge zwischen den schon länger Ansässigen und neu zugewanderten / geflüchteten Menschen auf Augenhöhe gelingen können.

Vor diesem Hintergrund ergaben sich die folgenden Leitfragen:

Wie lässt sich mithilfe der "Lebenden Bibliothek" ein strukturierter Dialog erzeugen, der diejenigen miteinander ins Gespräch bringt, die sich ohne ein solches Angebot vielleicht nie oder nur unter ungünstigeren diskursiven Bedingungen begegnet wären?
Von welchen Prämissen und Ergebnissen vorgängiger Forschung muss bei der Gestaltung von Begegnungsangeboten ausgegangen werden?
Welche Akteure sind in welcher Weise in die Prozesse der Vorbereitung einzubeziehen?
Warum und zu welchem Zweck sollte man eine "Lebende Bibliothek" überhaupt veranstalten / nicht veranstalten?
Wer sind geeignete "Lebende Bücher" und warum (nicht)?
Wer genau sind die Zielgruppen, die (nicht) erreicht werden können und sollen?
Wie können Institutionen und (Selbst-) Organisationen sinnvoll einbezogen werden?
Wie lassen sich die Effekte einer solchen (menschenrechts­pädagogischen) Intervention messen und beurteilen?
In welche sonstigen (Integrations-) Zusammenhänge kann sie eingebettet werden, um evtl. größere und noch nachhaltigere Wirkung zu entfalten?
Wie können die Ergebnisse dokumentiert und für einen Transfer aufbereitet werden?

Die Situation Mitte bis Ende des Jahres 2015 in der Bundesrepublik Deutschland bot zugleich Anlass und Gelegenheit, sich über neue und innovative Maßnahmen der Integrationsarbeit, die über die Erfordernisse einer (Notfall-) Situation hinausgehen könnten, Gedanken zu machen und Verfahren im lokalen Kontext – in unserem Fall die Wissenschaftsstadt Darmstadt – zu erproben, die potentiell geeignet erscheinen, auch in anderen Kontexten und zu späteren Zeitpunkten als ein "Integrationswerkzeug" eingesetzt zu werden.

Integration ist dabei freilich als eine Aufgabe zu betrachten, die nicht nur von den Zugewanderten / Geflüchteten alleine, sondern von der Gesellschaft insgesamt geleistet werden muss. Wenn das Ziel des Zusammenlebens einer (sich ständig verändernden Zuwanderungs- / Aufnahme-) Gesellschaft die gleichberechtigte Teilhabe aller ist, wenn zugleich kulturelle und religiöse Vielfalt, Vielfalt der Lebenswirklichkeiten, Orientierungen und Überzeugungen ermöglicht und garantiert werden soll, dann braucht es hierfür – mehr denn je – Möglichkeiten der Begegnung, denn nur Begegnung schafft (unter geeigneten Bedingungen!) Akzeptanz.

Die "Special Edition"

Eine "Lebende Bibliothek" unter 'umgekehrten Vorzeichen'

Es gab aus unserer Sicht im Herbst 2015 – neben (selbst-) kritischen Überlegungen zum Thema "Intersektionalität", über die wir uns in einer Broschüre zum Projekt Gedanken gemacht haben (Download s.u.) – mindestens zwei gute Gründe, die Rollen von "Lebenden Büchern" und "Leser*innen" in der "Special Edition" neu zu justieren.

Erstens war uns nicht daran gelegen, den zahlreichen guten und wichtigen Angeboten, die bereits entstanden waren (Willkommensfeste, private Helferkreise, offene Begegnungscafés etc.) eines hinzuzufügen, in welchem die "Neuen"sich quasi als "interessante Bücher" befragen lassen sollten. In unserer Vorstellung sollten vielmehr die "Normalen" oder auch die "Deutschen" die Themen bereitstellen, und umgekehrt die "Neuen" das Publikum spielen, das ausleihen und fragen darf.

Daraus sollte sich, so der zweite Grund für die Umstellung, ein Austausch gemäß der Bedürfnisse der "Neuen" entwickeln, die als "Leser*innen" das Gespräch suchen und mit ihren Fragen auch weitgehend steuern. Wir sind davon ausgegangen, dass auf beiden Seiten großer Informations- und Orientierungsbedarf besteht, welcher mit diesem Setup besser bearbeitet werden kann, weil einerseits die "Neuen" ohne Bedenken ihre Fragen stellen und andererseits die "Eingesessenen" aus diesen Fragen virulente Interessenlagen und Problemfelder ableiten könnten.

Als "Lebende Bücher" sollten sich in der "Special Edition" also nicht die neu Zugewanderten und die "Flüchtlinge" zur Verfügung stellen, sondern Bürger*innen, die bereits länger ansässig sind und somit den neu Angekommenen durch ihren Vorsprung an Erfahrung und Lebenszeit in der Wissenschaftsstadt Darmstadt als Ansprechpartner*innen, Informant*innen oder "Brückenköpfe" in ein neues Leben dienen konnten und wollten.

Zur Mitwirkung als "Lebende Bücher" wurden daher vor allem, aber nicht ausschließlich, Bürger*innen angesprochen, die eine wichtige Funktion in der Stadtgesellschaft haben, als Expert*innen, Multiplikator*innen oder in Institutionen. Ebenfalls wirkten einige der bereits erfahrenen "Lebenden Bücher" aus früheren "Lebenden Bibliotheken" von Netzwerk ROPE e.V. mit, um Vielfalt zu repräsentieren, die intersektionale Vernetzung zu stärken und als nicht-institutionelle Multiplikator*innen.

Als "Leser*innen" wurden Zugewanderte, also potentielle Neubürger*innen, angesprochen, was die Gruppe der "Flüchtlinge" einschlioß, aber sich nicht auf diese beschränkte. Weitere Zielgruppen des zentralen Veranstaltungstages (07.12.2015) waren Multiplikator*innen, die die Methode kennenlernen wollten.

Der Fokus der "Special Edition" lag also nur sekundär auf dem Thema des eventuell vorhandenen "Vorurteils" der neu Zugewanderten gegenüber den Alteingesessenen oder umgekehrt der Alteingesessenen gegenüber den neu Zugewanderten. Das Kriterium zur Auswahl der Bücher war dementsprechend nicht der Versuch, so etwas wie "deutsche Normalität" oder "den Durchschnitt" zu repräsentieren. Die Umkehrung der Rollen ist nicht in der Weise geschehen, dass beispielsweise ein "Lebendes Buch" mit dem Titel "Der heterosexuelle, weiße, christliche Mann" zur Verfügung gestanden hätte (was sicherlich auch spannend gewesen wäre). Als Kriterium wurde vielmehr die Unterscheidung "schon lange hier – noch nicht lange hier" herangezogen.

Damit wurde – sozusagen in einer doppelten Volte der Adaption – die Darmstädter "Mehrheitsgesellschaft" bereits konzeptionell nicht als monolithischer Block, sondern vielmehr als Summe vielfältiger Teile verstanden. In der Auswahl der "Lebenden Bücher" konkretisierte sich diese Mehrheitsgesellschaft dann als vielfältig, pluralistisch und gleichberechtigt. In der Begegnung mit den "Neuen" traten die "Bücher" selbst – im Sinne der Intersektionalität – nicht als Mensch mit einem, sondern verschiedenen Identitätsmerkmalen auf (z.B. Beruf und Migrationshintergrund).

Ergänzend zur "Lebenden Bibliothek" wurde am zentralen Aktionstag des Projekts ein "Markt" veranstaltet, auf dem Informations-, Beratungs-, Begegnungs- und Anschlussmöglichkeiten für Neubürger*innen in der Centralstation Darmstadt präsentiert wurden.

Artikel

zum Projekt "Lebende Bibliothek – Special Edition"

Sich verändern mit der "Lebenden Bibliothek" | 19.01.2016

Handreichung zur "Lebenden Bibliothek" | 02.01.2016

Die "Lebende Bibliothek - Special Edition" | 14.12.2015

Fotogalerie

zum Projekt "Lebende Bibliothek – Special Edition"

Fotogalerie Lebende Bibliothek – Special Edition | 07.12.2015

Broschüre

"Lebende Bibliothek – Special Edition". Handreichung mit theoretisch-konzeptionellen Überlegungen zum Begegnungsformat "Lebende Bibliothek"

PDF | 2.26 MB

Broschüre "Lebende Bibliothek – Special Edition"

Förderung

Die "Lebende Bibliothek – Special Edition" wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus Mitteln des Bundesministeriums des Innern (BMI) als "Projekt zur gesellschaftlichen und sozialen Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern" gefördert.

BAMF - Integrationsprojekte

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